Teilchenphysik · Referenz 7 Min. Lesezeit

Das Standardmodell der Teilchenphysik: Elementarteilchen, Kräfte und die bekannten Risse

Wenn man die Materie immer weiter zerlegt – Molekül, Atom, Kern, Proton – stößt man am Ende auf Teilchen, die sich nach heutigem Wissen nicht weiter teilen lassen: die Elementarteilchen. Das Standardmodell der Teilchenphysik ist die Theorie, die diese Bausteine und drei der vier Naturkräfte in einem gemeinsamen mathematischen Rahmen zusammenfasst. Es ist eine der am gründlichsten geprüften Theorien der gesamten Wissenschaft – ihre Vorhersagen stimmen teils auf mehr als zehn Nachkommastellen mit dem Experiment überein. Und doch weiß man heute mit Sicherheit, dass das Standardmodell nicht die vollständige Geschichte erzählt. Diese Referenz erklärt den Teilchenzoo, die Kräfte, das Higgs-Boson und die konkreten Stellen, an denen die Theorie an ihre Grenzen stößt.

Was das Standardmodell der Teilchenphysik ist

Das Standardmodell ist eine relativistische Quantenfeldtheorie, die alle bekannten Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen über drei der vier fundamentalen Kräfte beschreibt: die elektromagnetische, die schwache und die starke Wechselwirkung. Die vierte Kraft, die Gravitation, ist nicht enthalten – ein Punkt, auf den wir zurückkommen.

Entwickelt wurde die Theorie in den 1960er- und 1970er-Jahren. Sheldon Glashow, Abdus Salam und Steven Weinberg vereinheitlichten in den Jahren 1967/68 den Elektromagnetismus und die schwache Kraft zur elektroschwachen Wechselwirkung; 1979 erhielten sie dafür den Nobelpreis. Die Theorie der starken Kraft, die Quantenchromodynamik, folgte 1973, als David Gross, Frank Wilczek und David Politzer die sogenannte asymptotische Freiheit entdeckten (Nobelpreis 2004).

Insgesamt kennt das Standardmodell 17 Grundtypen von Teilchen: zwölf Materieteilchen (Fermionen), vier Typen von Kraftträgern (Eichbosonen) sowie das Higgs-Boson. Aus dieser knappen Liste lässt sich – abgesehen von der Schwerkraft – im Prinzip die gesamte uns bekannte Materie aufbauen.

Die Bausteine der Materie: Quarks und Leptonen

Die Materieteilchen des Standardmodells sind Fermionen mit dem Spin ein Halb. Sie zerfallen in zwei Familien. Die sechs Quarks heißen Up, Down, Charm, Strange, Top und Bottom. Sie tragen eine Farbladung, spüren also die starke Kraft, und schließen sich zu Verbundteilchen zusammen – etwa Protonen (zwei Up, ein Down) und Neutronen (ein Up, zwei Down).

Die sechs Leptonen sind das Elektron, das Myon und das Tau sowie die drei zugehörigen Neutrinos: das Elektron-, das Myon- und das Tau-Neutrino. Anders als Quarks tragen Leptonen keine Farbladung. Die Neutrinos sind elektrisch neutral und wechselwirken ausschließlich über die schwache Kraft, weshalb sie Materie fast ungehindert durchdringen. Was ein solches Teilchen ausmacht, erklärt die Seite Was ist ein Neutrino?.

Auffällig ist die dreifache Wiederholung: Die zwölf Fermionen ordnen sich in drei Generationen, die sich vor allem in ihrer Masse unterscheiden. Die erste Generation (Up, Down, Elektron, Elektron-Neutrino) bildet die stabile Alltagsmaterie; die schwereren zweiten und dritten Generationen entstehen in Beschleunigern oder in der kosmischen Höhenstrahlung und zerfallen rasch. Warum es genau drei Generationen gibt, kann das Standardmodell nicht erklären – es nimmt sie als gegeben hin.

Die Kräfte und ihre Botenteilchen

Im Standardmodell werden Kräfte durch den Austausch von Eichbosonen (Spin eins) vermittelt. Die elektromagnetische Kraft wird vom masselosen Photon getragen; sie hält Elektronen an Atomkerne und wirkt unbegrenzt weit.

Die starke Kraft bindet Quarks zu Protonen und Neutronen und diese wiederum zu Kernen. Ihre Träger sind acht masselose Gluonen, die selbst Farbladung tragen – ein Grund, warum die starke Kraft mit wachsendem Abstand nicht schwächer wird und freie Quarks in der Natur nicht vorkommen.

Die schwache Kraft ist für radioaktive Zerfälle und für die Kernfusion in der Sonne verantwortlich. Sie wird von drei massiven Teilchen vermittelt: dem elektrisch geladenen W-Boson (rund 80,4 GeV) und dem neutralen Z-Boson (rund 91,2 GeV). Diese Teilchen wurden 1983 am CERN entdeckt (Nobelpreis 1984 für Carlo Rubbia und Simon van der Meer). Details zu dieser Wechselwirkung, über die auch Neutrinos allein kommunizieren, finden sich unter Neutrino-Oszillation.

Der Higgs-Mechanismus und die Entdeckung von 2012

Ein Problem beschäftigte die Theoretiker lange: Die Eichsymmetrie verlangte eigentlich masselose Kraftträger, doch das W- und das Z-Boson sind sehr schwer. 1964 schlugen unabhängig voneinander Robert Brout und François Englert sowie Peter Higgs (und weitere) einen Ausweg vor: ein alles durchdringendes Feld, das Higgs-Feld, an dem Teilchen gewissermaßen ‚hängenbleiben‘ und dadurch Masse erhalten.

Die messbare Anregung dieses Feldes ist das Higgs-Boson, ein Teilchen mit Spin null. Nach jahrzehntelanger Suche wurde seine Entdeckung am 4. Juli 2012 am Large Hadron Collider des CERN verkündet – unabhängig bestätigt von den Experimenten ATLAS und CMS, mit einer Masse von etwa 125 GeV. Englert und Higgs erhielten dafür 2013 den Nobelpreis. Mit dem Higgs war das letzte vorhergesagte Teilchen des Standardmodells experimentell nachgewiesen.

Wie das Standardmodell experimentell bestätigt wurde

Die Stärke des Standardmodells liegt darin, dass es Teilchen vorhersagte, bevor man sie fand. Das Charm-Quark wurde 1974 entdeckt, das Bottom-Quark 1977 am Fermilab. Das lange gesuchte, extrem schwere Top-Quark (rund 173 GeV) wies man dort erst 1995 nach. Das Tau-Neutrino, das letzte der zwölf Fermionen, wurde im Jahr 2000 vom DONUT-Experiment direkt beobachtet.

Wie man diese flüchtigen Teilchen überhaupt sichtbar macht, behandeln die Seiten Wie Neutrinos nachgewiesen werden, Was ist ein Szintillator? und Tscherenkow-Strahlung. Präzisionsmessungen wie das anomale magnetische Moment des Elektrons gehören bis heute zu den genauesten Übereinstimmungen zwischen Theorie und Experiment in der gesamten Physik.

Die bekannten Risse: Wo das Standardmodell endet

So erfolgreich es ist – das Standardmodell ist nachweislich unvollständig. Vier Lücken sind besonders gut belegt.

Erstens die Neutrinomasse. Das Standardmodell sagt masselose Neutrinos voraus. Die Beobachtung der Neutrino-Oszillation durch Super-Kamiokande (1998) und das Sudbury Neutrino Observatory (2001) zeigte jedoch, dass Neutrinos ineinander umwandeln und daher eine winzige, aber von null verschiedene Masse besitzen müssen. Das war der erste zweifelsfrei bestätigte Befund einer Physik jenseits des Standardmodells; Takaaki Kajita und Arthur McDonald erhielten dafür 2015 den Nobelpreis.

Zweitens die Gravitation: Sie ist im Standardmodell schlicht nicht enthalten, ein quantenmechanisches Kraftteilchen der Schwerkraft ist bisher unbekannt. Drittens die Dunkle Materie – sichtbare Materie macht nur einen Bruchteil des Universums aus, doch das Standardmodell enthält keinen passenden Kandidaten (siehe Was ist Dunkle Materie?). Viertens die Materie-Antimaterie-Asymmetrie: Warum das Universum aus Materie und nicht zu gleichen Teilen aus Antimaterie besteht, kann die Theorie nicht ausreichend erklären.

Vom Grundlagenwissen zur angewandten Forschung

Die Erkenntnisse des Standardmodells sind nicht nur akademisch. Dass Neutrinos eine Masse tragen und Impuls übertragen können, hat konkrete experimentelle Grundlagen: Der 2015 mit dem Nobelpreis gewürdigte Nachweis der Neutrinomasse und die Messung der kohärenten elastischen Neutrino-Kern-Streuung durch die COHERENT-Kollaboration (2017) belegen, dass diese Teilchen mit Materie messbar wechselwirken.

An solche Grundlagen knüpft die Forschung der Neutrino Energy Group in Berlin an. Ihr Ansatz, die Neutrinovoltaik, untersucht, ob sich Anteile des permanenten Umgebungsflusses – Neutrinos, thermische und elektromagnetische Strahlung sowie weitere Quellen zusammengenommen – über eine patentierte Mehrschichtstruktur aus Graphen und Silizium in elektrischen Strom umwandeln lassen. Wie jede Energiewandlung unterliegt ein solcher Prozess dem Energieerhaltungssatz: Energie wird nicht erzeugt, sondern lediglich aus der offenen Umgebung entnommen und in eine andere Form überführt. Inspiriert wird der Ansatz unter anderem von Arbeiten zur Brownschen Bewegung in freistehendem Graphen (Thibado et al., 2020).

Wichtig zur Einordnung: Es handelt sich um Grundlagen- und Entwicklungsforschung, nicht um ein fertiges oder käufliches Produkt und nicht um eine bewiesene Energiequelle. Der wissenschaftliche Kontext dazu findet sich unter neue Energietechnologien und Energy Harvesting.

Häufige Fragen

Was beschreibt das Standardmodell der Teilchenphysik?

Es beschreibt alle bekannten Elementarteilchen – sechs Quarks, sechs Leptonen, die Eichbosonen und das Higgs-Boson – sowie drei der vier Grundkräfte: die elektromagnetische, die schwache und die starke Wechselwirkung. Die Schwerkraft ist nicht enthalten.

Wie viele Elementarteilchen gibt es im Standardmodell?

Es umfasst 17 Grundtypen: zwölf Fermionen (sechs Quarks und sechs Leptonen), vier Typen von Eichbosonen (Photon, Gluon, W- und Z-Boson) sowie das Higgs-Boson. Die Fermionen ordnen sich in drei Generationen.

Wann wurde das Higgs-Boson entdeckt?

Am 4. Juli 2012 verkündeten die Experimente ATLAS und CMS am CERN den Nachweis eines Teilchens mit einer Masse von rund 125 GeV. Peter Higgs und François Englert erhielten dafür 2013 den Physik-Nobelpreis.

Warum gilt das Standardmodell als unvollständig?

Es erklärt weder die Gravitation noch die Dunkle Materie noch die Materie-Antimaterie-Asymmetrie. Zudem sagt es masselose Neutrinos voraus, obwohl die Neutrino-Oszillation eine kleine Masse beweist – der erste bestätigte Befund jenseits des Standardmodells.

Was hat das Standardmodell mit der Neutrinoforschung zu tun?

Die Neutrinomasse (Nobelpreis 2015) und die Impulsübertragung durch Neutrinos (COHERENT 2017) sind experimentelle Grundlagen, an die angewandte Forschung wie die Neutrinovoltaik der Neutrino Energy Group anknüpft – als Entwicklungsforschung, nicht als fertiges Produkt.